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Jana Alles

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Tief durchatmen, bis zehn zählen? Warum du so nicht aufhörst, dein Kind anzuschreien

Du kennst sie alle. Diese kleinen Notfall-Tricks, die in jedem Ratgeber, unter jedem Instagram-Video und in jedem gut gemeinten Gespräch mit der Schwiegermutter auftauchen. Tief durchatmen. Bis zehn zählen. Ein Glas Wasser trinken. Kurz aus dem Zimmer gehen. Die Hände zu Fäusten ballen und wieder öffnen.

Und vielleicht ging es dir wie mir: Du hast sie ausprobiert, ehrlich und voller Hoffnung. Und manchmal, an guten Tagen, haben sie sogar funktioniert. Aber an dem Tag, an dem es wirklich drauf ankam – als dein Sohn das dritte Glas umgekippt hatte und gleichzeitig das Telefon klingelte –, da war von „bis zehn zählen“ keine Spur mehr. Da war nur die Wut, die schon aus dir herausbrach, bevor du überhaupt bei „drei“ angekommen wärst.

Das liegt nicht an dir. Es liegt daran, dass diese Tricks an einer Stelle ansetzen, die im entscheidenden Moment gar nicht erreichbar ist. Schauen wir uns das genau an.

Warum die Tricks im Ernstfall nicht greifen

Hier ist das Problem in einem Bild: Atemtechniken sind wie ein Regenschirm, den du erst aufspannen willst, wenn der Sturm dich schon umgeworfen hat.

In dem Moment, in dem dich etwas wirklich triggert, schaltet dein Gehirn blitzschnell in den Überlebensmodus. Der Teil, der vernünftig denkt, abwägt und sich an gute Vorsätze erinnert, wird dabei regelrecht abgeklemmt – evolutionär sinnvoll, wenn ein Säbelzahntiger vor dir steht, ziemlich unpraktisch, wenn es nur dein trödelndes Kind ist. „Bis zehn zählen“ setzt aber genau diesen vernünftigen Teil voraus. Und der ist, wenn du ihn am dringendsten bräuchtest, gerade nicht im Dienst.

Deshalb fühlt es sich so an, als würde die Wut „einfach so“ aus dir herausschießen, schneller als jeder Gedanke. Sie ist tatsächlich schneller. Der Trick kommt zu spät, immer. Das ist kein Versagen deiner Disziplin – es ist schlicht, wie ein Nervensystem im Alarm funktioniert.

Tricks behandeln das Symptom, nicht die Ursache

Selbst wenn ein Atemtrick mal greift, tut er nur eines: Er drückt die Wut für diesen einen Moment herunter. Das Gefühl wird unterdrückt, nicht aufgelöst. Es ist, als würdest du den Deckel auf einen brodelnden Topf pressen. Eine Weile hält der Deckel. Aber das Brodeln darunter hört nicht auf – im Gegenteil, der Druck steigt.

Und genau das erleben viele Mütter: Sie reißen sich tagsüber tapfer zusammen, atmen, zählen, schlucken runter. Und dann, am Abend, bei einer absoluten Lappalie, fliegt der Deckel mit voller Wucht weg. Die unterdrückte Wut entlädt sich gesammelt, oft heftiger, als sie es ohne das ganze Unterdrücken je gewesen wäre. Der Trick hat die Explosion nicht verhindert. Er hat sie nur verschoben und größer gemacht.

Solange du nur am Symptom – der hochkochenden Wut – herumdrückst, bleibt die Ursache, die das Brodeln überhaupt erzeugt, völlig unberührt. Und sie produziert zuverlässig die nächste Wut.

Was die Wut dir eigentlich sagen will

Statt die Wut wegzudrücken, lade ich dich zu etwas Ungewohntem ein: ihr zuzuhören. Denn Wut ist keine Charakterschwäche und kein Feind. Sie ist ein Bote. Und ihre Botschaft lautet fast immer: Hier ist gerade etwas, das dich überfordert, das eine alte Grenze berührt oder einen alten Schmerz antippt.

Wenn du das nächste Mal kochst, frag dich nicht „Wie atme ich mich da runter?“, sondern „Was will diese Wut mir gerade sagen?“. Vielleicht: Ich bin am Ende meiner Kräfte und habe seit Tagen nichts für mich getan. Vielleicht: Dieses Ignoriert-Werden trifft eine ganz alte Stelle in mir. Die Wut ist dann nicht das Problem, sondern der Wegweiser zum Problem. Und ein Wegweiser, den du verstehst, verliert seinen Schrecken.

Das ist ein völlig anderer Umgang als das hektische Wegatmen. Du machst die Wut nicht zum Gegner, den du bekämpfen musst, sondern zur Informantin. Und Informanten bekämpft man nicht – man hört ihnen zu.

Der Unterschied zwischen Notnagel und Lösung

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich verteufle das Durchatmen nicht. Im akuten Moment, wenn du kurz vorm Explodieren bist, ist es allemal besser, einmal tief Luft zu holen, als sofort loszubrüllen. Als Notnagel im Einzelfall haben diese Tricks ihren Platz.

Aber ein Notnagel ist keine Lösung. Ein Pflaster ist gut, um eine Wunde kurz zu schützen – aber wenn die Wunde immer wieder an derselben Stelle aufreißt, brauchst du keine Schachtel Pflaster mehr, sondern jemanden, der sich anschaut, warum sie nicht heilt. Wer jeden Tag aufs Neue gegen das Schreien atmet, behandelt eine Wunde, die immer wieder aufbricht, mit immer neuen Pflastern. Irgendwann ist das schlicht erschöpfend.

Die eigentliche Lösung liegt eine Ebene tiefer: bei dem, was die Wut überhaupt entzündet. Und das ist fast immer keine Frage der Technik, sondern deiner Geschichte.

Wohin der Weg wirklich führt

Stell dir eine Mutter vor, die an dieser tieferen Ebene gearbeitet hat. Sie muss nicht mehr atmen, nicht mehr zählen, nicht mehr den Raum verlassen. Nicht, weil sie sich besser im Griff hätte – sondern weil das, was früher in ihr explodiert ist, einfach nicht mehr da ist. Der Topf brodelt nicht mehr, also braucht es keinen Deckel.

Das ist das eigentliche Ziel. Nicht eine Mutter, die ihre Wut mit immer ausgefeilteren Tricks bändigt, sondern eine, bei der schlicht weniger Wut entsteht, weil die alten Wunden darunter heilen durften. Das ist der Unterschied zwischen Ruhe spielen und ruhig sein. Und dein Kind, das jeden noch so gut gemachten Trick durchschaut, spürt sofort, welche von beiden vor ihm steht.

Du musst dich nicht ein Leben lang gegen dich selbst zusammenreißen. Es gibt einen Weg, der nicht über Selbstkontrolle führt, sondern über Heilung. Und das ist letztlich der einzige Weg, auf dem du wirklich dauerhaft aufhörst, dein Kind anzuschreien – nicht durch besseres Bändigen, sondern weil immer weniger da ist, das gebändigt werden müsste.

Was du ab heute anders machen kannst

Ich will dich nicht mit der Erkenntnis allein lassen, dass Tricks zu kurz greifen, ohne dir etwas an die Hand zu geben. Also hier der erste konkrete Schritt, und der ist überraschend sanft: Hör auf, gegen die Wut zu kämpfen, und fang an, sie zu beobachten. Das nächste Mal, wenn sie hochkommt, sag innerlich nicht „Nein, nicht schon wieder“, sondern „Aha, da ist sie. Interessant. Was war kurz davor?“

Diese kleine Verschiebung von Bekämpfen zu Beobachten klingt unscheinbar, ist aber der Anfang von allem. Denn solange du die Wut nur wegdrücken willst, bleibst du in der Pflaster-Logik. Sobald du sie als Botin betrachtest, beginnst du, ihre Sprache zu lernen. Du wirst Muster entdecken: bestimmte Tageszeiten, bestimmte Situationen, bestimmte Sätze deines Kindes, die zuverlässig zünden. Diese Muster sind Gold wert – sie zeigen dir, wo deine wunden Stellen liegen. Und das ist der Punkt, an dem aus „Ich muss mich besser beherrschen“ ein „Ich verstehe allmählich, was da in mir passiert“ wird. Genau diese Verschiebung ist der eigentliche Anfang vom Ende des Schreiens.

Wenn du das ewige Wegatmen leid bist und an die Ursache willst, statt täglich neue Pflaster zu kleben.

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