Es ist ein Gedanke, den kaum eine Mutter laut auszusprechen wagt, der aber viele heimlich quält: „Mit dem einen Kind komme ich so viel leichter klar als mit dem anderen.“ Das eine Kind bringt dich auf hundertachtzig, bevor du überhaupt richtig wach bist. Das andere kann fast dasselbe tun, und es perlt an dir ab. Und sofort meldet sich die Scham: „Habe ich etwa ein Lieblingskind? Bin ich ungerecht? Was bin ich nur für eine Mutter?“
Atme einmal durch. Dass dich deine Kinder unterschiedlich stark triggern, bedeutet nicht, dass du das eine mehr liebst als das andere. Es bedeutet etwas ganz anderes – und dieses Verständnis kann dich von viel Schuld befreien und gleichzeitig tief in deine eigene Geschichte führen.
Denn die unterschiedlichen Reaktionen verraten weniger über deine Kinder als über dich. Schauen wir uns an, was da wirklich passiert.
Jedes Kind drückt andere Knöpfe
Erinnerst du dich an das Bild vom Trigger als Knopf, der vor langer Zeit in dir installiert wurde? Jeder Mensch hat eine ganz eigene Sammlung solcher Knöpfe – wunde Stellen aus der eigenen Geschichte. Und jedes deiner Kinder hat einen anderen Charakter, ein anderes Temperament, andere Eigenarten. Das eine ist vielleicht laut und wild, das andere leise und verträumt. Das eine stur, das andere anpassungsfähig.
Und nun die einfache Logik: Jedes Kind drückt mit seinem jeweiligen Wesen andere deiner Knöpfe. Wenn dein lautes, wütendes Kind genau die Knöpfe trifft, die bei dir besonders wund sind – etwa weil du selbst nie wütend sein durftest –, dann triggert es dich stark. Dein leises Kind drückt diese speziellen Knöpfe nicht, also bleibt es ruhiger zwischen euch. Das hat nichts mit der Menge deiner Liebe zu tun. Es hat damit zu tun, welches Kind zufällig die Eigenschaften mitbringt, die deine speziellen wunden Stellen berühren. Es ist, als hätten deine Kinder unterschiedliche Schlüssel – und nur manche passen in die alten Schlösser deiner Vergangenheit.
Was das Kind spiegelt, das dich mehr triggert
Hier wird es besonders aufschlussreich. Oft ist es so, dass uns ausgerechnet das Kind am meisten triggert, das uns am ähnlichsten ist – oder das die Eigenschaften auslebt, die wir uns selbst verboten haben.
Vielleicht erkennst du in deinem „anstrengenden“ Kind dich selbst wieder – deine Sturheit, deine Lautstärke, deine Sensibilität –, und genau das, was du an dir selbst nie annehmen durftest, begegnet dir nun im eigenen Kind. Oder das Kind lebt eine Freiheit aus, die dir verwehrt war: Es ist wütend, fordernd, eigensinnig, während du als Kind brav und angepasst sein musstest. Dann triggert dich nicht das Kind an sich, sondern das, was es in dir wachruft: deine eigene unterdrückte Seite, deinen alten Schmerz, deinen versteckten Neid auf seine Unbekümmertheit. Das Kind, das dich am meisten herausfordert, ist deshalb oft dein größter Lehrer – es zeigt dir am deutlichsten, wo deine ungeheilten Stellen liegen.
Warum das andere Kind dich schont
Umgekehrt gilt: Das Kind, mit dem du leichter klarkommst, ist nicht das „bessere“ Kind und auch nicht das, das du mehr liebst. Es ist schlicht das Kind, dessen Wesen weniger deiner wunden Stellen berührt. Vielleicht ist es dir charakterlich unähnlicher, sodass es dich seltener an dich selbst erinnert. Vielleicht hat es ein Temperament, mit dem du von Natur aus besser schwingst.
Das ist eine wichtige Entlastung: Die leichtere Beziehung ist kein Verdienst und die schwerere kein Versagen. Beides hat überwiegend mit der zufälligen Passung zwischen dem Wesen des Kindes und deinen persönlichen Triggern zu tun. Und genau deshalb kann sich das übrigens auch verschieben: In anderen Lebensphasen, wenn andere Themen bei dir hochkommen oder die Kinder sich verändern, kann plötzlich das vorher „leichte“ Kind dich mehr triggern und umgekehrt. Das zeigt, wie sehr es um dich geht und nicht um eine feste Eigenschaft der Kinder.
Die Gefahr für die Geschwisterdynamik
So verständlich die unterschiedlichen Reaktionen sind – es lohnt sich, wachsam zu bleiben, denn sie können Spuren hinterlassen. Kinder spüren sehr genau, mit wem die Mutter leichter oder schwerer klarkommt. Das Kind, das häufiger getriggert wird und damit häufiger Wut oder Gereiztheit abbekommt, kann den Eindruck gewinnen, weniger geliebt oder „das schwierige“ zu sein. Das kann sein Selbstbild und die Geschwisterbeziehung prägen.
Das ist kein Grund für noch mehr Schuld – im Gegenteil, Schuld hilft hier gar nicht. Es ist ein Grund, genau hinzuschauen und an deinen Triggern zu arbeiten. Denn je weniger dich das eine Kind triggert, desto gerechter und gleichmäßiger kannst du beiden begegnen – nicht durch erzwungene, künstliche Gleichbehandlung, sondern weil die alten wunden Stellen geheilt sind und das eine Kind dich schlicht nicht mehr so aus der Fassung bringt. Du musst dich dann nicht mehr zur Fairness zwingen. Sie stellt sich von selbst ein, wenn beide Kinder auf eine Mutter treffen, die in sich ruht.
Der Weg zu mehr Gelassenheit mit beiden
Was also tun? Der erste Schritt ist, die Scham loszulassen und neugierig zu werden. Statt dich zu verurteilen („Ich bin ungerecht“), frag dich: „Was genau triggert mich an diesem Kind? Welche seiner Eigenschaften bringt mich auf die Palme – und was hat das mit mir zu tun?“ Diese Frage führt dich direkt zu deinen eigenen wunden Stellen.
Sehr oft entdeckst du dann, dass das Kind, das dich am meisten triggert, dir einen Teil deiner selbst zeigt, mit dem du noch nicht im Reinen bist. Und genau dort liegt die Arbeit – und das Geschenk. Wenn du diese Stelle in dir heilst, verändert sich die Beziehung zu diesem Kind oft grundlegend. Aus dem „anstrengenden“ Kind wird auf einmal einfach dein Kind, mit seinem ganz eigenen, wunderbaren Wesen, das dich nicht mehr triggert, sondern bereichert. Und das Schönste: Indem du diese Arbeit machst, schenkst du beiden Kindern eine Mutter, die ihnen gleichermaßen offen und gelassen begegnen kann. Die unterschiedlichen Trigger werden dann zu dem, was sie eigentlich sind: Wegweiser zu deiner eigenen Heilung, getarnt als zwei sehr verschiedene kleine Menschen.
Ein Wort zur Schuld, die so oft mitschwingt
Ich möchte zum Schluss noch einmal ausdrücklich auf die Schuld eingehen, weil sie bei diesem Thema fast immer im Hintergrund mitläuft und so viel Kraft frisst. Die Sorge, ein Kind heimlich zu bevorzugen oder ungerecht zu sein, quält viele Mütter zutiefst – oft mehr, als sie je zugeben würden.
Aber diese Schuld ist nicht nur unnötig, sie ist sogar kontraproduktiv. Sie füllt dein Fass, senkt deine Triggerschwelle und macht dich angespannter im Umgang mit beiden Kindern – also genau das Gegenteil von dem, was du erreichen willst. Außerdem beruht sie auf einem falschen Maßstab: Gerechtigkeit bedeutet nicht, beide Kinder identisch zu behandeln oder identisch viel zu fühlen. Deine Kinder sind verschieden, brauchen Verschiedenes und lösen Verschiedenes aus – das ist normal und kein Versagen. Wahre Gerechtigkeit heißt, jedem Kind das zu geben, was es individuell braucht, und an dir selbst zu arbeiten, damit kein Kind dauerhaft die Last deiner ungeheilten Trigger tragen muss. Lass die Schuld also los und ersetze sie durch Neugier und Selbstfürsorge. Aus „Ich bin eine schlechte, ungerechte Mutter“ wird dann „Ich schaue hin, was da in mir passiert, und heile es – für mich und für beide Kinder.“ Dieser Wechsel allein verändert schon die Atmosphäre in deiner Familie.
Wenn du verstehen willst, warum dich eines deiner Kinder mehr triggert – und diese Stelle in dir heilen möchtest, für beide.